03.03.2010 - 13:01

120. Geburtstag Asmus Jessen

120. Geburtstag Asmus Jessen

geb. 15. 5. 1890 Havetoft

gest. 6. 2. 1977 Legan bei Lübeck

Kunsterzieher und Maler.

 

Nach dem Tod des Vaters zog die Familie von Havetoft nach Flensburg. Um Kunsterzieher zu werden ging er auf die Königliche Kunstschule Berlin, wo er 1913 das Staatsexamen mit Auszeichnung bestand. 1914 wurde Jessen Kunstlehrer an der Oberrealschule zum Dom in Lübeck, an der er seit 1918, nach vier Jahren Kriegseinsatz, bis 1936 wirkte. Als Lehrer war er in Gesinnung und Leistung unumstritten, als Kunsterzieher war er nach Begabung und Neigung wie wenige berufen. Seine idealistische Einstellung übte eine große Anziehungskraft auf die Schüler aus. 1924 wurde an seiner Schule erstmalig in Deutschland ein künstlerischer Werkunterricht als Pflichtfach eingeführt. Mit seinem Konzept zur Kunsterziehung hatte Jessen erstaunliche Erfolge. Nach seiner Planung und unter seiner Leitung bauten etwa 400 Schüler in Gemeinschaftsarbeit in vier Monaten 1935 ein großes aus Holz geschnitztes Modell des Lübeck des 17. Jahrhunderts. Das Modell wurde 1936 anläßlich der Olympischen Spiele in Berlin auf der „Groß-Deutschland-Ausstellung“ gezeigt, danach hat es seinen Platz im Holstentor-Museum gefunden. In der Geschichte der Kunsterziehung ist die Entstehung des Lübeck-Modells ohne Beispiel, eine einmalige Leistung. Auf Jessens Anregung wurden 1937 die „Schulwerkstätten der Hansestadt Lübeck“ gegründet, Stätten zur künstlerischen Schulung des handwerklichen Nachwuches. Infolge der intensiven Tätigkeit an der Schule und in den Werkstätten konnte Jessens eigenes Künstlertum sich nicht in vollem Umfange entfalten. Trotzdem hat er manches Eigenständiges geschaffen, was ihn in der Hansestadt bekannt machte. In den zwanziger Jahren war Jessen in Lübeck eine der eigenwilligsten Künstlerpersönlichkeiten und galt damals als „wilder Expressionist“. Er war auf vielen Gebieten der bildenden Kunst tätig, als Graphiker, Maler, Keramiker, mit Vorliebe für Volkstum und Handwerk. Für Jessen und die Werkstätten gab es Aufträge aus dem Bereich des „NS-Rummels“: Opferschalen für die Feiern, Gedenktafeln und Büromöbel für die NS-Oberen. Häufig musste er die dekorative Gestaltung der Festräume, der Plätze und Straßen Lübecks bei den „Feiertagen der Nation“ übernehmen. Durch diese Arbeiten wurde das Renommee des Künstlers schwer beschädigt. Jessen wurde 1936 städtischer Beauftragter für Kunsterziehung und als Fachberater für künstlerische Fragen bei der Kreisleitung in die NS-Hierarchie eingegliedert. Im Auftrag des SS-Reichskulturamtes bereiste Jessen 1943 vier Monate das besetzte Baltikum zum Zwecke „Bildkünstlerischer Aufnahmen“ von Motiven im Kulturkreis der Hanse und des Deutschen Ritterordens. Er bekam einen Kriegsberichterausweis und zog die SS-Uniform an. 1945 wurde ihm wegen seiner „Kriegsberichtserstattung“ aus dem Baltikum der Prozess gemacht: als angeblicher Kriegsverbrecher wurde er zwei Jahre lang in einem Lager für Naziverbrecher eingesperrt. September 1947 aus der Haft entlassen, musste Jessen Jahre in Not leben, ohne Gehalt noch Pension. Davon und von seinen Lagerjahren hat er sich bis zu seinem Tode nicht wieder erholt. Den Rest seines Lebens verbrachte Jessen seit 1949 im abseits gelegenen Legan, „um der Natur näher und wohl auch um den Menschen ferner zu sein“. Hier entstanden viele Bilder der Travelandschaft. Jessen war selbstkritisch und zartbesaitet, verständnisvoll und liebenswürdig. Sehr redselig und besonders überschwenglich ist er nicht gewesen. Jessen war ein vom Ethos durchdrungener Mensch, geradlinig im Charakter, ein Mensch von höchstem Pflichtbewußtsein. Asmus Jessen wurde 86 Jahre alt. Er und seine Frau starben innerhalb weniger Tage.

 

Auszug aus: Berthold Hamer, Biografien der Landschaft Angeln 2007.

 

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