Ur- und Frühgeschichte

Juni / Juli 2017:

Besuch einer aktuellen Ausgrabung des ALSH

Jahresbericht 2016


Termine AG Ur- und Frühgeschichte 2015/2016

Das Programm der Arbeitsgemeinschaft Ur- und Frühgeschichte bestand in 2015/16 wieder aus verschiedenen

Fachvorträgen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der archäologischen Denkmalpflege und der archäologischen Forschungsinstitute aus Schleswig-Holstein. Einen Eindruck in die Landes- und Völkerkunde

Papua Neuguineas erfuhren die Mitglieder durch die Präsentation von Rudolf Lies aus Husum, der viele Jahre als Theologe in diesem Lande lebte und arbeitete. Zwei halbtägige Exkursionen ergänzten das Angebot, darunter eine Führung auf der Feuchtbodenausgrabung in Satrup LA 2 am Satrupholmer Moor und der Besuch einer Sonder-ausstellung zum Thema „Jäger, Fischer, Fallensteller in der Steinzeit“ auf Schloss Gottorf in Schleswig. Zu den Referenten gehörten insbesondere junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA), vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU Kiel und vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH). Sie berichteten über ihre Forschungsarbeiten und stellten Ergebnisse von aktuellen Ausgrabungen vor, die Themen von der Steinzeit bis in römische Kaiserzeit behandelten. Den Veranstaltungsraum stellte freundlicherweise die Leitung der Stiftung Schleswig-Holsteinische

Landesmuseen Schloss Gottorf zur Verfügung. Alle Arbeitstreffen fanden im Archäologischen Landemuseum

Schleswig (Johanna Mestorf-Kolleg) statt und waren mit durchschnittlich 20–25 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut besucht. Im Publikum saßen immer wieder archäologisch interessierte Besucher, die aufgrund

der Pressemitteilung von den Vorträgen erfahren hatten. Sie stellen weitere potentielle Mitglieder für die AG Ur- und Frühgeschichte und den Heimatverein Angeln dar. Nach den Vorträgen bot sich dem Publikum Gelegenheit, die Referenten zu befragen und von den Fachleuten viele Details und Neuigkeiten zu ihren Forschungsprojekten und Geländearbeiten zu erfahren. Von dieser Möglichkeit wurde ausgiebig Gebrauch gemacht und es entstanden angeregte Diskussionen.


Am 27. November 2015 referierten der Theologe und Ökumenereferent Rudolf Lies und seine Frau Cynthia aus Husum unter dem Titel Papua „Neuguinea zwischen Steinzeit und Tiefseebergbau – Erfahrungen mit Menschen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne“ über ihren Aufenthalt und ihre Arbeiten in der lutherischen Partnerkirche in Papua- Neuguinea. Ihre erste Reise führte beide von 1979 bis 1984 in ein weit Infrastruktur. Sie hatten dort mit Eingeborenen zu tun, die erst seit etwa 30 Jahren intensivere Kontakte zur Außenwelt hatten und noch weitgehend in einer ländlichen traditionellen Subsistenzwirtschaft lebten. Die Herstellung von Gebrauchs-gegenständen aus natürlichen Materialien wie Bast und Sisal, teilweise auch die Nutzung von Steinwerkzeugen, die es in dieser Form seit Jahrhunderten gab, war lebendige Gegenwart. Von 2009 bis 2014 haben beide abermals

in Papua-Neuguinea gelebt, diesmal in der Stadt Goroka an der wichtigsten Straßenverbindung ins Landesinnere.

Über diese Straße transportierten Schwerlaster die Materialien für ein riesiges Gasprojekt, das in wenigen Jahren das Wirtschaftsprodukt des Landes verdoppeln soll. Bodenschätze wie Kupfer, Gold, Nickel, Gas und andere Rohstoffe sind der Reichtum des Landes, aber manchmal wird ihre Förderung auch zum Fluch. So werfen sie Fragen auf, ob ein bergmännischer Abbau am Meeresboden in dieser Region tatsächlich betrieben werden darf, ohne die einzigartige Natur dort nicht der Zerstörung preiszugeben. Die beiden Referenten waren Mitarbeiter am

ökumenischen Institut der vier großen Landeskirchen, das die Kultur und Lebensverhältnisse der ansässigen

Urbevölkerung und die Herausforderungen der Bewohner erforscht und so eine wichtige Begleitung für das Land und seine Menschen bietet. Aus anderen Ländern der Welt ist bekannt, dass sich Spannungen oft in Gewalt entladen, wo Tradition und Moderne so unvermittelt aufeinandertreffen. Wie und wo finden Jugendliche in einem Land, dessen jünger ist, eine Zukunft? Und wie erklärt man Krankheit und Todesfälle in einer Gesellschaft, in der Mythologie und urreligiöses Verhalten die Lebensvorstellungen prägen? Mitgebracht und für die Zuhörer bereitgestellt hatte Familie Lies nicht nur eindrucksvolle Bilder ihrer Reisen, sondern auch Kleidungsstücke, Jagdwaffen und Gebrauchsgegenstände der Papua, die beide während ihrer Aufenthalte als Geschenke bekommen

hatten.


Vom ZBSA in Schleswig war der Archäologe Markus Wild MA am 29. Januar 2016 zu Gast bei der AG Ur- und Frühgeschichte im Johanna Mestorf-Kolleg auf Schloss Gottorf. Er berichtete zum Thema

Ein Artefakt der frühesten Nacheiszeit? Neues von mesolithischen Hirschgeweihkappen“

über die Ergebnisse seiner Masterarbeit, die er an der Universität Mainz durchgeführt hatte. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf der synthetischen Neubearbeitung der ca. 20 als sog. Masken, Kappen oder allgemein als Kopfschmuck oder Trophäen bezeichneten Hirschgeweihe, die aus Nordmitteldeutschland und England bekannt sind. Hirschgeweihkappen kennen wir bisher nur aus der Mittelsteinzeit und zwar vom Übergang vom Spät-pleistozän zum Frühholozän. Es handelt sich dabei um Rothirschschädel, die zumeist zwei Perforationen (Befestigungslöcher) aufweisen und deren Geweih längs durch Spanentnahme halbiert und anschließend teilweise eingekürzt wurde. Diese Artefakte sind seit den Ausgrabungen des englischen Archäologen Clark in Star Carr Ende der 1940er Jahre bekannt und werden dort als antler frontlets bezeichnet. Der Entdecker interpretierte die Stück als Kopfbedeckung im Rahmen eines Brauchtums oder der Jagd. In der Folge der Veröffentlichung der englischen Funde fügten verschiedene Autoren weitere Artefakte der neuen Fundkategorie hinzu. Es dauerte gut 65 Jahre, bis neuer Schwung in die Untersuchung der Hirschgeweihkappen gekommen ist. M. Wild stellte in seinem Vortrag neueste Datierungsergebnisse und die aktuellen Ergebnisse seiner Neubewertung der Geweih-kappen vor, außerdem berichtete er über Experimente zur Herstellung und Nutzung dieser besonderen, aber bisher nur in Grundzügen verstandenen Fundkategorie.


Mit digitalen Karten und deren Darstellung und Auswertung in geografischen Informationssystemen beschäftigte sich der Vortrag von Dipl. Prähist. Jörg Novottny vom ZBSA in Schleswig am 1. April 2016 auf Schloss Gottorf. Unter dem Titel

Vom Archiv zur digitalen Karte – die Fundkartei des Kreises Fischhausen

Zuhörer zunächst in die Methodik Geografischer Informationssysteme (GIS) ein. Jörg Novottny ist Mitarbeiter in der GIS-Abteilung des ZBSA und dort u.a. mit der Digitalisierung von Kartenmaterial und Ausgrabungsplänen beschäftigt. Über die Digitalisierung von Grabungsdokumenten wie alten Denkmal- Lageskizzen und Plänen und der Verschneidung mit topografischen und geologischen Karten aus verschiedenen Archiven in Deutschland und Kaliningrad (Ostpreußen) kann dieses analoge Quellenmaterial für moderne archäologische Auswertungen

verfügbar gemacht werden. Die Ergebnisse sind Teil eines internationalen Forschungsprojekt unter

dem Titel: „Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung Siedlungsarchäologische Grundlagenforschung

zur Eisenzeit im Baltikum“, das als Kooperationsprojekt von ZBSA und dem Museum für Vor- und Früh-geschichte Berlin angelegt ist und von der Akademie der Wissenschaften in Mainz (sog. Akademieprojekt) finanziert wird. Die Projektziele sind die Rekonstruktion der archäologischen Fundlandschaft bis 1945 im heutigen Gebiet Kaliningrad und die Identifizierung geeigneter Untersuchungsgebiete für zukünftige Forschungen

sowie die Entwicklung und Implementierung einer Datenbank aller archäologischen Fundstellen im ehemaligen Ostpreußen.


Am 27. Mai 2016 hielt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte und Spezialistin für die Bronzezeit auf Schloss Gottorf einen Vortrag zum Thema:

Wenn Hügel Geschichten erzählen. Kontakte und Austausch in der Bronzezeit Nord- und Mitteleuropas“.

Darin berichtete sie über die Ergebnisse ihrer Grabungen eines bronzezeitlichen Grabhügels (LA29) in Kronsburg-Glinde bei Bredenbek im Kr. Rendsburg-Eckernförde, die im Rahmen einer Kooperation mit dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein durchgeführt wurden. Archäologisch ist die Gegend zwischen Kronsburg und Schülldorf in der Gemeinde Bredenbek (Kr. Rendsburg-Eckernförde), südlich der Autobahn 210, die von Kiel nach Rendsburg führt, besonders aufschlussreich. In der flachwelligen Hügellandschaft der letzten Eiszeit liegen zahlreiche obertägig sichtbare Geländedenkmale, die mehrheitlich aus der Bronzezeit stammen. Besonders im Frühjahr oder Herbst, wenn kein Laub den Blick durch die Knicks versperrt, sind zwischen Kronsburg, Auhof und Hohenberg bei Schülldorf beidseitig der Straße einzelne Grabhügel auf den Höhenkuppen

zu sehen. Deutlich ragen diese prähistorischen Denkmäler aus den Äckern und Wiesen hervor, wo sie vor ca. 4000–3500 Jahren als Grabmonumente angelegt wurden. Diese Grabhügel der nordischen Stein- und Bronzezeit gehören zu den markantesten oberirdischen Monumenten, die sich in Norddeutschland und Südskandinavien erhalten haben und die Jungmoränenlandschaft der letzten Eiszeit wesentlich prägen. Die mehr als 50 in der Gemeinde Bredenbek bekannten Grabhügel sind in ihrer Anzahl äußerst bemerkenswert. Nur selten findet sich in Schleswig-Holstein eine solch große Zahl noch erhaltener Hügel auf engstem Raum. Die gute Erhaltung der Grabhügel zeigt hier, wie stark die prähistorische Landschaft einst von diesen Grabbauten geprägt war. Viele sind

längst durch den Pflug oder den Straßenbau des 19. Jahrhunderts zerstört worden.

Im Rahmen einer Baumaßnahme untersuchten die Archäologen aus Kiel und Schleswig den bereits stark ver-flachten Hügel Bredenbek LA 29). Trotz der bereits starken Zerstörung des Hügels durch Überpflügen ließen

sich verschiedene Nutzungsphasen beobachten, die einen Einblick in den Wandel der Kulturlandschaft über einen Zeitraum von 3500 Jahre ermöglichen. So konnten u.a. die Reste einer ca. 20–40 cm hohen Hügelaufschüttung und die ca. 2,5 x 1 m große Steinsetzung eines bronzezeitlichen Zentralgrabes erfasst werden. Darüber hinaus vervollständigen Nachbestattungen, runde Kochsteingruben und Pfostenlöcher das Bild einer komplexen Belegungsabfolge. Die Befunde reichen von der Anlage als Bestattungsplatz über eine profane Nutzung und Beraubung bis hin zur mittelalterlichen Verwendung als Ackerland. Der Fundplatz Bredenbek ist zudem ein gutes Beispiel für die Abfolge der kulturellen Entwicklungen in Nord- und Mitteleuropa während der Bronzezeit. Dem Kollaps der frühbronzezeitlichen Gruppen in Mitteldeutschland und die Entwicklung der reichen Bronzezeit im Norden gegenüber. Das Metall, allem voran Kupfer und Zinn, sind dabei der Schlüssel um Kontakte quer über den Kontinent zu verfolgen. Nicht erst die Römer pflegten Beziehungen quer durch Europa, bereits am Ende der Steinzeit und vor allem in der Bronzezeit lassen sich die Kontakte quer durch Europa nachverfolgen und das Auf und Ab der Kulturentwicklung beobachten.


Die Vortragsreihe wurde nach der Sommerpause am 30. September 2016 mit einer Präsentation von Leif Schlisio MA fortgesetzt. Er ist temporär beschäftigter Archäologe am ALSH in Schleswig und hat zahlreiche Baube-obachtungen, Rettungsgrabungen sowie Vor- und Hauptuntersuchungen unterschiedlicher Zeitstellung geleitet. In seinem Vortrag „Siedlung mit Schleiblick: Eine Fundstelle aus der späten vorrömischen Eisenzeit/frühen römischen Kaiserzeit in Fahrdorf, Kr. SL FL (LA 101) beschäftigte er sich mit einer eisenzeitlichen Sied-lungsgrabung, die praktisch vor der Haustür Schleswigs stattfand. Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit zumeist nur in knapper Form, etwa im Lokalteil der Zeitung präsentiert. Dies ist vor allem der Aufgabenteilung zwischen ALSH, den archäologischen Forschungseinrichtungen und dem Archäologischen Landesmuseum

(ALM) geschuldet. In Fahrdorf wurde im Vorfeld der Erschließung eines geplanten Neubaugebietes für

Einfamilienhäuser östlich und südöstlich des bestehenden Baugebietes „Langacker“ im August 2015 eine

archäologische Voruntersuchung durchgeführt. Sie erbrachte auf einer Fläche von ca. 9500 m² die Überreste

einer ländlichen Siedlung von der späten Eisenzeit bis in die frühe römische Kaiserzeit (ca. 150 v. Chr. bis um Christi Geburt) mit weit über Öfen und Materialentnahmegruben. Vielleicht gefiel schon vor gut 2000 Jahren den eisenzeitlichen Bauerngesellschaften die günstige Lage der Siedlung mit Blick auf die Schlei. Die geplanten Bauarbeiten gefährdeten diese im „Bodenarchiv“ schlummernden Zeugnisse der Vergangenheit und bedingten eine systematische Flächengrabung. Diese wurde von einem vierköpfigen Team unter Leitung des Referenten durchgeführt. Im Vortrag stellte L. Schlisio den Grabungsablauf dar und zeigte Bilder von den Fundstücken wie Keramikscherben. Eindrucksvoll führte er aus, welche Methoden und Arbeiten notwendig sind, um Fundstücke und im Boden erhaltene vergängliche Strukturen sichtbar zu machen, wie der Ausgräber die Funktion von Strukturen erkennt und wie er das Alter von Funden und Befunden bestimmt. Zum Abschluss konnte er aufzeigen,

welche detaillierten Aussagen heute möglich sind und wie sich die für den außenstehenden Betrachter zunächst

unscheinbaren Ergebnisse in einen größeren Siedlungszusammenhang einfügen lassen.


In der Sommerpause waren die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft auf Einladung von Mirjam Briel MA

vom ALSH in Schleswig am 12. Juli 2016 zu Gast auf einer steinzeitlichen

Ausgrabung im Satrupholmer Moor bei Bondebrück. Die wissenschaftlichen Untersuchungen auf dem Siedlungsplatz Satrup LA 2 aus der Mittelsteinzeit vor ca. 8000 Jahren bilden die Fortsetzung von Forschungs-grabungen, die bereits in den 1950er Jahren einsetzten und 2010 und 2011 von Wissenschatlern des ALM und ZBSA fortgesetzt wurden. Aufgrund von unkontrollierten Bodeneingriffen im Frühjahr 2016 wurde eine rasche Rettungsgrabung notwendig, die von Mitarbeitern des ALSH in den Monaten Juni bis Juli 2016 durchgeführt wurden. Das Grabungshelferinnen und -helfer und die vielen Besucher zeigen, dass steinzeitliche Ausgrabungen bei der lokalen Bevölkerung Angelns eine hohe Akzeptanz besitzen und von großem Interesse sind. Beim Satrupholmer Moor handelt es sich um ein degradiertes Niedermoor mit teilweise erhaltenem Hochmoorkern,

das ehemals aus späteiszeitlichen Toteisseen bestand. An den Uferrändern des Moores waren bereits vor dem zweiten Weltkrieg zahlreiche Oberflächenfundstellen mit mesolithischen Flintartefakten bekannt, und seit Beginn der Feuchtbodenarchäologie gehört es zu den wichtigsten Siedlungsgebieten des späten Mesolithikums in Schleswig-Holstein. Zu den bekanntesten Fundplätzen gehört Satrup LA 2 am Nordufer des Moores. Durch eingespülte Kalkablagerungen aus dem Mergel sowie die überdeckenden Torfschichten bieten sich hier außerordentlich gute Erhaltungsbedingungen für organisches Material. Im Rahmen früherer Untersuchungen

konnten neben zahlreichen mesolithischen Flintartefakten auch sehr gut erhaltene Tierknochen sowie mehrere Geweihgeräte geborgen werden, die in die Kongemose Kultur (6700–5500 v. Chr.) und Ertebölle Kultur (5500–4100 v. Chr.) gehören. Die aktuellen Untersuchungen konnten eine geschlossene kongemosezeitliche Fundschicht im Uferbereich eines zugehörigen ehemaligen Sees nachweisen, in der nahezu flächendeckend Flintartefakte sowie eine große Zahl ausgezeichnet erhaltener Knochen, Zähne und Geweihfragmente lagen. Auch fanden sich mindestens zwei zerbrochene Geweihäxte. Diese Fundschicht wird teilweise von einer jüngeren überdeckt, in der für die Ertebölle Kultur typische Keramik in U-Aufbautechnik nachgewiesen wurde, darunter auch drei Böden von Spitzbodengefäßen. Die guten Erhaltungsbedingungen auf dem Fundplatz bieten auch großes Potential für

naturwissenschaftliche Untersuchungen: Die organischen Funde ermöglichen Aussagen zu Jagdspektrum,

Subsistenzverhalten sowie kleinräumige Umweltrekonstruktionen.


Eine von Mitgliedern des Kirchspielarchivs Steinberg im Heimatverein Angeln angeregte Tauchuntersuchung

fand am 21. Mai 2016 in Norgaardholz statt. Der Bürgermeister von Steinberg, G. Geißler, hatte die Taucharchäologen vom ALM Schleswig und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte Kiel auf große Brocken von Torfen aufmerksam gemacht, die nach starken Ostwinden am Strand zwischen dem Steinberger Huk und Norgaardholz angeschwemmt worden waren. Schon seit längerem hatte eine eifrige Sammlerin aus Habernis genau an diesem Strandabschnitt zahlreiche leicht abgerollte Flintartefakte aufgesammelt. Die Vermutung lag nahe, dass diese steinzeitlichen Siedlungsfunde aus den submarinen Torfen freigespült und durch Wellengang

und Strömung ans Ufer transportiert wurden. Eine taucherische Überprüfung des Meeresbodens mit Tauchern

der AMLA aus Kiel erbrachte den sicheren Nachweis, dass in 1 bis 1,5 m Wassertiefe mächtige Reste einer

großen Schilftorfbank anstehen, von der immer wieder bei Stürmen große Stücke abbrechen und ans Ufer transportiert werden. Ein direkter Zusammenhang der Strandfunde mit dem Torfvorkommen war jedoch nicht

nachzuweisen, hier müssen zukünftig weitere Taucheinsätze stattfinden, um die Herkunft der Flintartefakte

im Spülsaum zu klären.

Eine fruchtbare Zusammenarbeit der AG-Ur- und Frühgeschichte mit der Heimatgemeinschaft Schleswigsche

Geest fand in 2016 statt. Es galt zu klären, was mit dem steinzeitlichen Pfeilschaft aus dem großen Moor bei Sillerup seit der Auffindung im Jahre 1955 geschehen ist. Laut Archivunterlagen war dieses knapp 120 cm lange, vollständig erhaltene und ca. 9000 Jahre alte Fundstück von E. Peters während Torfstecharbeiten im Moor entdeckt und anschließend dem archäologisch interessierten Lehrer O. Friis übergeben worden. Er soll es der ortseigenen Schulsammlung zugeführt haben. Der Landesaufnehmer J. Röschmann aus Flensburg erwähnt den einzigartigen Holzschaft in seiner archäologischen Bestandsaufnahme des Altkreises Flensburg von 1963 unter der Fundstelle LA 58 in der Gemeinde Sillerup, danach verlieren sich die Spuren des Originals, und über den Erhaltungszustand und Verbleib nach der Bergung ist nichts bekannt. Erst in den 1990er Jahren tauchen gleich zwei vollständige und in allen technischen Einzelheiten stimmige Pfeilhölzer im Museum Flensburg und im ALM Schleswig auf, womit sich die Frage erübrigte, ob es sich bei einem der beiden Stücke vielleicht um das ver-schollene Original handeln könnte. Wer die Repliken zu welchem Zeitpunkt in Auftrag gab und wer sie original-getreu nachschnitzte, ist unbekannt. Nach intensiven Recherchen von Frau S. Petersen aus Linnau wurde 2016 in der Schulsammlung von Linnau ein dritter Pfeilschaft entdeckt, der mit dem handschriftlichen Vermerk „Replik des Originals von Sillerup“ versehen ist. Damit ist davon auszugehen, dass das Original vermutlich kurz nach der Auffindung und Bergung ohne zeitnah eingeleitete Konservierungsmaßnahmen eingetrocknet und schließlich vergangen ist. Derjenige Zeitgenosse jedoch, der vermutlich alle drei identischen Nachbildungen anfertigte, muss entweder noch das Original vor Augen gehabt haben, oder aber ihm lag eine exakte Zeichnung des Fundstücks mit allen Maßen und technischen Details wie Nock und Schlitz zur Aufnahme der steinernen Pfeilspitzen (Mikrolithen) vor. Die Biografie des Silleruper Originalpfeiles konnte zwar nicht in allen Einzelheiten geklärt werden, aber die Recherchen haben letztendlich gezeigt, dass das ursprüngliche Stück nicht mehr vorhanden ist und es sich bei den drei Repliken um originalgetreue Nachbildungen handelt.


Am 12. Mai 2016 hatten die Mitglieder der Arbeitsgruppe die Gelegenheit, an einer Exklusivführung in der Sonderausstellung „Fleisch – Jäger, Fischer, Fallensteller in der Steinzeit“ in den Ausstellungsräumen des 19. Jahrhunderts auf Schloss Gottorf teilzunehmen. In der vom 6. März bis 25. Mai 2016 gezeigten Sonderausstellung verdeutlichten materialgetreue und funktionstüchtige Rekonstruktionen und Modelle den technischen Erfindungs-reichtum der steinzeitlichen Jäger, Fischer und Fallensteller. Die beiden Experimentalarchäologen Harm Paulsen und Ulrich Stodiek zeichnen anhand von originalgetreuen Repliken und Rohstoffen in Verbindung mit Audio-texten und Filmen ein lebendiges Bild von Jagd- und Fischfang in der Vorgeschichte. Insbesondere die über 250 Nachbauten, die anhand von völkerkundlichen Vergleichen und Erkenntnissen entstanden, tragen durch ihre Anschaulichkeit zum Verständnis der Thematik bei, denn im archäologischen Befund sind Jagdwaffen und Fallen selten bis nie vollständig erhalten geblieben. Highlights der Ausstellung waren authentische Nachbildungen von archäologischen Sensationsfunden wie den über 300.000 Jahre alten Speeren aus dem Braunkohletagebau in Schöningen oder die Lehringer Lanze, mit der Neandertaler vor gut 120.000 Jahren einen übermächtigen Waldelefanten getötet haben. Erst viel später, am Ende der letzten Eiszeit, setzten sich nach und nach Pfeil und Bogen als Jagdwaffen durch. Berühmtes und ältestes Mordopfer durch Pfeilschuss ist Ötzi, die Gletschermumie, wie die tödliche Pfeilspitze in seinem linken Schulterblatt belegt. In einer bislang in dieser Weise noch nicht präsentierten Zusammenschau bereichert diese Ausstellung den archäologischen Fundbestand und erweist sich als geeignet sowohl das Laienpublikum als auch den Wissenschaftler anzusprechen.


Am 29.5.16 besuchte der Berichterstatter die Frühjahrstagung des Heimatvereins der Landschaft Angeln im

Landgasthaus Grundhof. Die dort vorgestellten Kennzahlen aus dem Geschäftsbericht des Vorstandes und

die Ergebnisse der Wahlen wurden in der Maiveranstaltung auf Gottorf den Mitgliedern der AG Ur- und

Frühgeschichte mitgeteilt.


Sönke Hartz

(Leiter AG Ur- und Frühgeschichte)AG Ur- und FrühgeschichteAG Ur- und Frühgeschichte284

Arbeitsgemeinschaft für Ur- und Frühgeschichte

AG-Leiter: Dr. Sönke Hartz
Stexwigfeld 5A
24857 Borgwedel
Tel.: 04354-1342
hartz@schloss-gottorf.de

Veranstaltungen siehe unter Termine!

Fotos von den Aktivitäten  dieser AG finden Sie in der Galerie


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