Die Kolonisten und ihre Häuser

 - wie alles begann -

Das Rote Tor in Flensburg
Lage des Amtshauses

Es war an einem Nachmittag im Monat Mai des Jahres 1761, als sich ein langer Zug von Bauernwagen aus der Umgebung Flensburgs durch das „Rote Thor" und die Angelburger Straße nach dem Fischerhofe bewegte. Der Zug sah recht abenteuerlich aus. Die Führer der Wagen waren einheimische Bauern. Aber was wollten die übrigen Menschen? Männer, Frauen und Kinder, die teils zu Fuß gingen, teils zwischen dem meistens nur geringen Wohlstand verratenden Hausgerät auf dem Wagen saßen. Ihre Trachten und Sprache verrieten, dass sie einer fernen Gegend entstammten, und ihre Gesichter ließen erkennen, dass dieser Einzug in Flensburg für ihr künftiges Schicksal von großer Bedeutung sein würde.

Bild oben rechts:
Das Amtshaus in Flensburg mit dem Fischerhof lag in der Waitzstraße, südlich hinter dem ehemaligen Gebäude der Kreisverwaltung Flensburg-Land, dort wo heute das Gebäude der Bibliothek steht

Vor dem königlichen Amtshause hielt der Zug still, und der Führer des Zuges machte seinem Amtmann, Herrn Georg Friedrich von Holstein, Meldung. Fremd wie ihr Aussehen, waren auch ihre Namen: Kohlhammer, Stotz, Bücher, Duus, Gold, Ertzinger, Eberle, Weckerle, Wacker, Lauer, Scharff, Böhm, Weisert, Kunstmann, Künztler, Budach, Schaaf, Osten, Weigerichs, Hinrich und Sinn.
Wo kamen sie her und was wollten sie?
Die Länder Württemberg, Baden, die Pfalz und Hessen waren bis dahin ihre Heimat gewesen. Nun standen sie hier auf Wunsch des dänischen Königs Friedrich V., der sie hatte anwerben lassen, um die großen Heideflächen zu bebauen. Schon viele Könige vor ihm hatten den Gedanken gefasst, die Moore und Heiden urbar machen zu lassen, doch es wagte sich lange niemand daran.
Die Frage, ob ein Bebauen der Heiden möglich wäre, war nach allen Seiten erörtert worden, wobei die Antworten in den meisten Fällen zugunsten einer Kultivierung ausfielen. Schließlich wandte man sich nach Deutschland,  um  dort tüchtige  Leute  für  die Kolonisierung von Moor und Heide zu gewinnen.
Warum diese Leute nun zum größten Teil aus dem Südwesten Deutschlands kamen, hatte seinen Grund zum einen im „Siebenjährigen  Krieg" (1756-1763)   und zum anderen abe in der Rührigkeit des Legationsrats Moritz in Frankfurt am Main, der für jeden geworbenen Kolonisten 1 Louisdor als  Prämie erhielt. Leicht verdientes Geld für den Legationsrat, denn es meldeten sich viele. (Weitere Gründe für die Auswanderung auf Seite 280 f.).

 

Die alte Heimat: Weinheim an der Bergstraße

Nach einem langen Marsch, der mehrere Wochen in Anspruch nahm, gelangten die Siedler über Gelnhausen, Fulda, Kassel, Hirschfeld, Göttingen und Lüneburg schließlich nach Altona. Hier wurden sie von dänischen Beamten empfangen und dann in Tagesreisen über Elmshorn, Itzehoe, Hohenweststedt, Rendsburg und Schuby nach Flensburg geführt.
Dieser Zug war der erste, der hier für die Besiedlung der Heideflächen des Amtes Flensburg bestimmt war. Er hatte morgens Schuby verlassen und stand nun vor dem Flensburger Amtmann, um weitere Weisungen entgegen zu nehmen. Der Amtmann ließ die Ankömmlinge antreten und fragte nach Namen, Heimat, Beruf sowie Vermögens- und Familienverhältnissen. Dabei stellte sich heraus, dass die meisten von ihnen völlig mittellos dastanden, geradezu arm waren und vor allem keine Erfahrung mit der Kultivierung von Ödland mitbrachten. Viele hatten einen handwerklichen Beruf erlernt oder waren nur einfache Arbeiter, die aber von der Landwirtschaft nur wenig verstanden.

 

Kolonistenhaus I. (Riß von Benetter für die ersten 22 Kolonistenhäuser- hier 1762 Nr, 13 Tetenhusen und Lürschauer Feld
Bild oben: Torfschneider, Torfspaten unten: Heidesense u. Plaggenhacke

Bilder wie in Flensburg gab es in jenen Tagen auch in Schleswig. Im Gottorfer Bereich wurden sogar mehr Kolonisten angesiedelt als im Amt Flensburg.
Dr. Erichsen, der als Leiter der Landvergabe bestellt worden war, hatte das Gebiet vorher bereist und Plätze für die Kolonisten ausgesucht und eine Verlosung vorbereitet. Den Ausgelosten wurde für die Bearbeitung des Bodens folgendes überlassen: 1 Pflug, 1 Egge und 2 Zugochsen. Es musste sofort mit der Bodenbearbeitung begonnen werden. Sobald sie dessen bedurften, erhielten sie Korn für die Aussaat und allerlei Gartensämereien. Häuser gab es auf den Heide- und Moorflächen zu gut wie keine.  
Diejenigen, die durch Losentscheid einen Platz in der Nähe eines Dorfes erhalten hatten, durften in ihren Quartieren wohnen bleiben. Andere dagegen  lebten mitten auf ihrem zugewiesenen Stück Land in Erdhütten: 6 Ellen lang und 4 Ellen breit. Hierin hausten sie, bis ihre Häuser fertig waren.
Die Beschaffung von Häusern bereiteten den Verantwortlichen einige Probleme; denn das Bauen war auch schon im 18. Jh. eine kostenträchtige Angelegenheit, hinzu kam, dass in einigen Regionen Mangel an Handwerkern herrschte.

Einen Eindruck von der einsamen „weiten" Heidelandschaft im Jahr 1763, kann man beim Betrachten dieses Bildes gewinnen - T 4/20, Sophiental bei Tingleff -. Heute sieht man hier zumindestens einige Bäume und Gebäude, Das Bild stammt von Ruth Christensen, Renz

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