Der Schriftsteller Georg Asmussen

Vortrag von Jörg Peter Balcke, 14. Mai 2006

In der Landschaft Angeln erlangte Georg Asmussen Ruhm als Heimatdichter. Weil der Angler Heimatverein Georg Asmussens Roman "Stürme" 1974, und weitere von ihm, wieder herausgab, wurde damit ein erneutes Interesse an seiner Person geweckt. Und nur hier in Angeln scheint er weiten Kreisen tatsächlich bekannt zu sein. Doch entspricht diese Aussage der Realität? Und wodurch kam er überhaupt zur Schriftstellerei?

In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte Georg Asmussen seine Erinnerungen. Als er sein Leben in der Rückschau betrachtete, war er als erfolgreicher Autor bereits bekannt. Während seiner Berliner Zeit hatte ihn eine bestimmte Äußerung so betroffen gemacht, daß er sich noch in seinen Lebenserinnerungen darüber mokiert: (ein der Verständlichkeit leicht verändertes Zitat) "…dass ein Unverständnis bei bestimmten Leuten herrscht, dass ein Ingenieur durchaus mehr vermag, als [nur] Maschinen-, Lokomotiv- oder Hallenbau". Er schrieb weiter: "… ein Ingenieur habe sein Können … bewiesen, [aber er sei] abtrünnig geworden und unter die ---- Dichter gegangen. … –… Das haben [die] Leute [nicht verstanden, als] sie hörten, dass Techniker anderes dichteten als Kessel. …, das Schaffensgebiet der Dichter und der Ingenieure läge zu weit auseinander, um dazwischen eine Brücke zu schlagen, der hohe Geistesflug des Dichters habe nichts gemein mit der nüchternen Verstandesarbeit des Technikers. …" (Zitatende). Doch Georg Asmussen war ein sehr vielseitig interessierter Mensch, wachen Auges verfolgte er auch kulturelle Entwicklungen. Gerade das eben gehörte Zitat über die beiden so verschiedenen "Geistesarbeiter" ist für mich ein Indiz, daß in seiner Brust bereits damals der Wunsch nach schriftstellerischer Tätigkeit schlummerte.

Als Georg Asmussen sich 1893 der Guttemplergemeinschaft angeschlossen hatte, übernahm er neben seiner umfassenden Aufbauarbeit für die Werft Blohm & Voss ein Jahr später den Bundesvorsitz und die Schriftleitung der Guttemplerzeitung. Dadurch wurde er nicht nur in Deutschland, sondern auch im westeuropäischen Ausland als Schriftleiter und Autor der Guttemplerzeitung weithin bekannt – nicht jedoch als Schriftsteller und Heimatdichter.

Wie das unvollständige Werkverzeichnis aussagt, verfaßte Georg Asmussen bis 1905 ausschließlich Schriften für Anliegen des Guttempler-Ordens. Neben zahlreichen Beiträgen in der Guttemplerzeitung selbst, aber auch in anderen, schrieb er für die Guttemplerbewegung eine Novelle und eine Erzählung, stellte einen Band mit zehn Erzählungen und einen mit gesammelten Gedichten zusammen. Damit begann er sein Schriftstellertalent zu erproben, zu schleifen und zu verfeinern, jedoch immer noch in jener gewissen Tendenz.

Mit dem Buch "Ein Besuch bei Uncle Sam. Bilder aus Amerika" (1905), einem Buch über seine Amerikareise, tritt er aus dem Schatten seiner ausschließlichen Schriftarbeit für die Guttempler, wenngleich er hierin auch "über die alkoholgegnerische Bewegung" berichtet. In der Ankündigung für diesen umfassenden Bericht heißt es: (Zitat) "Ein Mann, der mit warmen Herzen und mit klaren, scharfblickenden Augen anläßlich der Weltausstellung in St. Louis in Amerika sich umgetan hat, ist der bekannte Oberingenieur und geistvolle Schriftsteller G. Asmussen, der uns … eine Reihe ’Guckkastenbilder’ bietet." Und weiter: "Asmussen ist ein flotter Erzähler, ein scharfer Beobachter, und sein Humor ist herzerfrischend." (Zitatende).

Bereits 1906 erscheint sein erster großer Roman "Stürme". Das Buch ist noch heute in Angeln sehr bekannt und wird gerne gelesen. Es wurde zuletzt 1995 verlegt; der Inhalt darf als bekannt vorausgesetzt werden. Dennoch vielleicht dieses, in seinen überaus poesievollen Schilderungen der Natur, der treffenden Darstellung der Charaktere und das geschickte "Einweben" historischer Begebenheiten oder von Stoffen aus der Sagen- und Märchenwelt ist er durchaus in die Nähe Theodor Storms zu rücken. War Storm vielleicht sein Vorbild?

Die Kritiken, die Georg Asmussen für sein Erstlingswerk erhielt sind durchweg wohlwollend, loben seine Erzählweise, die sehr gut charakterisierten Gestalten und die fein gewobenen Natur- und Seelenbilder. Die Sturmflut an der Ostseeküste vom 13.11.1872 gestaltet er als dramatische Rahmenhandlung. Auch der Hamburger Hafenstreik bricht wie ein Sturm über die scheinbar friedliche Arbeitswelt der Werft; den Streik hat er hier miterlebt und im Buch als Motiv genutzt. Und dennoch, so ganz ohne Ansprache des Alkoholproblems kommt er auch hier nicht aus.

Georg Asmussens nächstes Werk "Wegsucher" erschien erstmals 1909 und wurde vom Heimatverein zuletzt 1996 herausgegeben. Den Schauplatz der Handlung verlegte er auf die Geest. Wer jedoch Georg Asmussens Lebenserinnerungen gelesen hat, erkennt die in diesem Roman eingeflossenen eigenen Erlebnisse sofort: einfache Verhältnisse, Tod des Vaters, Domschule, die Antihaltung adliger Bürger und Offiziere in Schleswig, aber auch den Aufstieg des Titelhelden in einen angesehenen Beruf und dessen Konflikt mit uneinsichtigen, engstirnigen Personen.

Zahlreiche Kritiken, u.a. aus Straßburg, Bern, Wien, Prag, begleiten die Erscheinung des Buches "Wegsucher". Vielleicht erhoffte sich der Verlag, aufgrund Georg Asmussens Bekanntheit als Schriftleiter und Autor der Guttemplerzeitung eine weitere Verbreitung des Buches. Die Kritiken sind durchweg anerkennend und freundlich, wenn auch manchmal moniert wird, (Zitat) "daß Georg Asmussen, sich verführen läßt, einzelne Szenen zu sehr auszuspinnen und breitzuschlagen. …bei ihm zeigen sich Längen und tote Strecken. … Für den Leser liegt es anders, den stören diese Längen … ." (Zitatende).

Mit der Übersiedlung von Hamburg nach Westerholz an der Flensburger Förde wendet er sich "heimatkundlichen" und historischen Themen zu. Daß sich Georg Asmussen viel mit Sagen- und Märchenstoffen beschäftigte, wird bspw. an seiner Novelle "Auge um Auge, Zahn um Zahn – Erzählungen aus verklungener Zeit" deutlich. Hierin greift er verschiedene Sagen aus Angeln auf, die er geschickt miteinander zu einer Novelle verknüpft.

Zwischen 1910 und 1914 erscheinen drei weitere Romane: "Der erste Einser", "Die Rastlosen", und "Leibeigene". "Der erste Einser" ist zweifellos wieder ein Tendenzroman um das Alkoholproblem. "Die Rastlosen" nennt Georg Asmussen selbst einen Ingenieurroman. Auch dieser Roman ist 1996, wie das Buch "Leibeigene" (1991 in der Fassung von 1914), durch den Angler Heimatverein neu aufgelegt worden. "Leibeigene" beinhaltet die beiden in sich geschlossenen Romane "Die Gesiegelten" und "Leibeigen". "Die Gesiegelten" beschreibt die bis zum Ende des 18. Jhdt. bestehende Leibeigenschaft und die gewaltsame Befreiung daraus. Der Titel "Die Gesiegelten" übernimmt den Begriff vom Siegel, mit dem die Leibeigenschaft besiegelt wurde. "Leibeigen" erläutert als Tendenzroman die Parabel die Abhängigkeiten: Ist der Leibeigene von seinem Herrn abhängig, ist hier die Abhängigkeit des Titelhelden vom Alkohol geschildert, eine Abhängigkeit, die schließlich im Suizid endet.

Eine weitere Schaffensperiode entstand für ihn nach 1918 aus finanzieller Notwendigkeit heraus, allerdings folgte kein Roman mehr, sondern meist nur Kurzgeschichten des Stils, (Zitat): "… am liebsten Fröhliches, gerne auch Geschichten, Dorfhumor" (Zitatende) wurde von ihm für Zeitungen und Zeitschriften. "Sich nicht werfen lassen", hier wird sein Lebensmotto wieder einmal deutlich.

In seinen Werken bedient sich Georg Asmussen der literarischen Erzählform Parabel. Er wollte mit seinen Erzählungen belehren und auf falsche Verhaltensweisen aufmerksam machen. Dazu nutzte er oftmals eine historisch verbrämte Geschichte. Vielfach beinhalten seine Romane auch Reflexionen seines Lebens, indem er seine eigenen Erfahrungen wie in einem Spiegel, natürlich verschlüsselt, betrachtet und die gezogenen Lehren weitergibt.

Weiter fällt auf, daß in seinen Geschichten fast immer Frauen die treibende Kraft sind. Es ist anzunehmen, daß er seine Mutter als Vorbild für seine Roman-Frauen nahm. Seine Mutter, eine tiefgläubige und tatkräftige Frau, hatte nach dem Freitod ihres Mannes die kleine Familie unter Mühen zu versorgen.

Sichtet man den schriftlichen Nachlaß von Georg Asmussen, gewinnt man den Eindruck, daß er als Schriftsteller wohl nie ganz zufrieden mit sich und dem gedruckten Wort gewesen ist. Vielleicht war er mit sich auch zu selbstkritisch. Viele seiner Veröffentlichungen wurden von ihm sogar nach dem Erscheinen verändert, ergänzt, neu betitelt und manchmal gar umgeschrieben. Es ist daher schwer, sie zeitlich zuzuordnen oder auch zu katalogisieren. Eine annähernde Richtschnur können eigentlich nur seine zahlreichen Bücher und die üppigen Beiträge in vielen schleswig-holsteinischen Zeitungen, Zeitungsbeilagen, im "Illustrierten Kreiskalender/Kreis-chronik für den Landkreis Flensburg", aber auch in vielen anderen, teils überregionalen, Publikationen sein. Manches wird jedoch dadurch erschwert, daß er Teile aus seinen Romanen herausgetrennt, und sie als veränderte, eigenständige Geschichten zu anderen Zeiten neu veröffentlicht hat.

Auch seine Lebenserinnerungen sind lesenswert; hier wird der eigentlich nüchterne Text über seinen beruflichen Werdegang oder technische Abhandlungen immer wieder unterbrochen durch schriftstellerisch bearbeitete Passagen, in denen er Natur- oder Reisebeschreibungen einfügt. Diese Schilderungen sind teilweise, wie jene von der Dampferfahrt auf dem Mississippi, seinen Büchern entnommen, oder eigenständige Zeitschriftenveröffentlichungen, wie "Als wir Helfer der Russen waren". Weitaus mehr als ein nur sachlicher Reisebericht als Teil seiner Lebenserinnerungen ist die abenteuerliche Rückfahrt von Konstantinopel nach Westerholz.

Das Werk Georg Asmussens ist umfangreich und sehr verschiedenartig. Seine ungezählten Aufklärungs- und Kampfschriften gegen den Alkohol, sein "Volkskalender" und sein Liederbuch für den Guttempler-Orden, sowie zahlreiche technische Abhandlungen und Beiträge für Jugend- und Heimatliteratur neben seinen angeführten Romanen und Erzählungen können nur einen kleinen Überblick geben. Nicht vergessen werden dürfen seine Gedichte und sein plattdeutsches Theaterstück, wie er überhaupt als "Ghostwriter", aber auch als Vortragender selbst gefragt war.

Wenn Georg Asmussen über sich aussagte: (Zitat) "… Überhaupt habe ich das Handwerksmässige der Schriftstellerei nie recht verstanden oder erlernt …", (Zitatende) kann man nur mit Bewunderung auf sein ansehnliches Werk blicken. Er hat das zum Teil während seines gewiß stressigen Berufslebens als Oberingenieur der prosperierenden Großwerft Blohm & Voss und seiner umfangreichen Tätigkeit für die Guttempler "nebenher" geschaffen! Er hat, wie glaubhaft versichert wird, in den Arbeitspausen bei Blohm & Voss über seinen Manuskripten gesessen. Um so eindrucksvoller, um so beachtenswerter sind seine schriftstellerischen Tätigkeiten, sei es für die Guttempler-Zeitung, sei es für seine eigenen Werke. Seine Romane und Erzählungen sind logisch durchdacht und überaus feinsinnig gestaltet, seine beschriebenen Charaktere wirken lebendig. Er muß wohl ein akkurater Beobachter seiner Mitmenschen gewesen sein. Seine Sprache ist, trotz der manchmal einfachen Herkunft seiner Gestalten, feinsinnig und weist keine Platitüde auf. Und schließlich, die in seinen Werken oft vorkommenden Naturschilderungen sind von einer angenehmen Poesie. Er beschreibt die jeweiligen Situationen liebevoll und bildhaft, vielleicht manchmal ein wenig romantisierend, läßt immer erkennen, daß er auch ein genau beobachtender Naturfreund war.

Ich möchte die beiden eingangs gestellten Fragen noch einmal aufzugreifen. Die Frage, wie kam Georg Asmussen zur "Schriftstellerei" hat sich, so glaube ich, von selbst beantwortet.

In der ersten Frage ging es um den allgemeinen Bekanntheitsgrad Georg Asmussens als Schriftsteller. Er war zwar durch die Guttempler-Zeitung weithin bekannt, aber seine Bücher haben es durch ihr Heimatkolorit nicht geschafft, über den norddeutschen Sprachraum erfolgreich hinauszukommen. Und das ist eigentlich schade, denn er hat seine Geschichten aus der Zeit heraus mit klarer Linie und Zielrichtung gestaltet, die versteckt angelegten Lehren treffen auch heute noch zu, geben Anlaß zum Nachdenken über bestimmte Verhaltensweisen.

So wünschenswert eine weitere Verbreitung seiner Bücher gewesen wäre, für den weitgereisten Georg Asmussen war "Heimat" eben nicht nur jene begrenzte Umgebung in der er geboren, aufgewachsen war und lebte, sondern war weiter, auf Schleswig-Holstein, gefaßt. Er war von dieser "typisch norddeutschen" Mentalität geprägt. An seinem Alterssitz in Westerholz an der Flensburger Förde fand er schließlich zu seinen angestammten Wurzeln zurück und entdeckte seine Geborgenheit im vertrauten Terrain. Georg Asmussen stammte aus der Landschaft Angeln und hier war seine überzeugende sprachliche und geistige, aber auch seine politische Heimat.

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